Leibnitz-Newton und die Erfindung der Zeit & Konvivialistisches Manifest

Aus Leibnitz-Newton und die Erfindung der Zeit

In modernen Gesellschaften mit einer hohen Mobilität und einem engmaschigem Terminkalender, in denen Wartezeiten und Pausen als unproduktiv angesehen werden, hat die Uhrzeit als standardisierter Bezugsrahmen etwas Verbindliches. Demgegenüber tritt eine Ereigniszeit, die sich auf konkrete Handlungen wie das Kinder-zu-Bett-Bringen bezieht zurück. Wir fügen sie in den durch Uhrzeit vorgegebenen Zeitrahmen ein und brechen das Kinder-zu-Bett-Bringen unter Umständen verfrüht ab, weil der vorgerückte Zeiger bereits das nächste Ereignis ankündigt.

Der feste soziale Zeitmaßstab wirkt in vieler Hinsicht auf unser Denken zurück. Beim Blick auf die allgegenwärtigen Uhren und Kalender, deren Einheiten fließend ineinander übergehen, erleben wir Zeit als feste Größe. Schon deswegen entspricht unsere Zeitvorstellung viel eher der newtonschen Sichtweise als der leibnizschhen.

Allerdings könnte das leibnizsche Zeitverständnis dabei helfen, die Kehrseite einer solchen Komplexitätsreduktion und Verdinglichung der Zeit zu verstehen.

Wer Zeit als Beziehung zwischen Ereignissen begreift, wird schließen, dass man keine „Zeit“ mehr sparen kann. Man kann  Prozesse beschleunigen, konzentrierter arbeiten und so mehr Aktivitäten in den Tag hineinpacken. Wer jedoch meint, „Zeit“ zu sparen, der spart auch an Erlebnissen und Erfahrungen, insbesondere solchen, die erst durch das Innehalten, das Warten oder den Umweg möglich werden. Ein grundsätzliches Verständnis von Zeit könnte daher auch für unser Lebensgefühl von Bedeutung sein.

Im Unterschied zu Newton spricht Leibnitz der Zeit ein von materiellen Dingen unabhängiges Dasein ab. Ausgehend vom Subjekt betrachtet er sie als „Gedankending“.

Ein Leben ohne Uhr? Man kann sich das kaum noch vorstellen. Uhren sind eingebaut in Küchenherde und PKWs, in Computer und Smartphones. Sie untergliedern den Schulalltag von Kindern, teilen Produktions- und Arbeitsprozesse in Häppchen. Selbst unsere Freizeit steht unter ihrem Regime.

In einigen Ländern der Erde schaut die Bevölkerung selten auf solche Uhren. Stattdessen geben die Menschen den Ereignissen ihren Raum und lassen sich nicht unter Druck setzen, alles möglichst schnell zu erledigen. Ein gemeinsamer zeitlicher Bezugsrahmen kann dort etwa jene Spanne sein, die man braucht, um Reis zu kochen (Madagaskar), in der eine Schale Tee abkühlt (Tibet) oder eine Kerze abbrennt.

Im Unterschied dazu unterteilt eine mechanische Uhr den Tag in immerzu gleiche Abschnitte, und zwar mithilfe schwingender Pendel, Unruhfedern oder Quarzkristallen, die immer wieder zum selben Ausgangszustand zurückkehren. Im Laufe der Jahrhunderte sind die Gangregler kleiner und kleiner, ihre Taktfrequenzen immer schneller geworden. So schnell, das sich der Handel an der Börse heutzutage jenseits aller menschlichen Reaktionszeiten vollzieht.

Was aber haben all diese Uhren mit Zeit zu tun? Wir sagen zwar, dass wir mit Ihrer Hilfe „die Zeit messen“, und reagieren auf den vollen Terminkalender mit Aussagen wie: „Ich habe keine Zeit.“ Doch solche Redewendungen führten uns in die Irre, beanstandet der Soziologe Norbert Elias. Das Substantiv „Zeit“ suggeriere, das ein Ding existiere, „eben die Zeit, die es zu bestimmen oder zu messen gilt.“ Was aber soll das sein?

Ende des 20. Jahrhunderts hat Elias den leibnizschen Argumenten eine neue Stimme verliehen. Nie messen wir eine „Zeit an sich“. Wie die weiter oben genannten Beispiele der Reisuhr, der Teeuhr oder des vorrückenden Zeigers einer mechanischen Uhr illustrieren, setzt jede Zeitmessung voraus, dass man sich in einer Kultur auf einen Geschehensablauf als gemeinsamen Bezugsrahmen einigt. „Das Wort Zeit“, so Elias, „ist ein Symbol für eine Beziehung, die eine Menschengruppe, also eine Gruppe von Lebewesen mit der biologisch gegebenen Fähigkeit zur Erinnerung und zur Synthese, zwischen zwei oder mehreren Geschehensabläufen herstellt, von denen sie einen als Bezugsrahmen oder Maßstab für den oder die anderen standardisiert.“

Seit Beginn der Neuzeit haben sich die Zeitstandards drastisch geändert. Newton zum Beispiel lernte noch in seiner Kindheit für die zeitliche Unterteilung der Nacht Begriffe wie Dämmerung, Einbruch der Nacht, Kerzenanzünden, dunkle Nacht, Spätnacht, Morgengrauen und Hahnenschrei. Auf dem Land in Woolsthorpe war die Zeitbestimmung gebunden an sichtbare und hörbare Eindrücke und allgemein übliche Tätigkeiten wie das Kerzenanzünden. Als Newton dann 50 Jahre später in die englische Hauptstadt umzog, war er Besitzer einer Uhr mit Minutenanzeiger und eingetaktet in das Großstätische Leben. Als Direktor der Münzanstalt hatte auch er des Öfteren keine Zeit, an den von ihm geschätzten Versammlungen der Royal Society teilzunehmen, weshalb die Sitzungen schließlich seinetwegen verschoben wurden.

Im Hinblick auf unsere Zeitkultur setzte das 17. Jahrhundert völlig neue Maßstäbe. Der Schriftsteller Elias Canetti nannte es die „früheste Periode der Geschichte, die uns, wie wir heute sind, wirklich schon enthält.“ Der Kutschenverkehr und die künstliche Beleuchtung zogen in die Großstädte ein, der Kaffeehausbesucher und Zeitungsleser tauchte als neuer Typus auf. Natürlich mussten Zeitungen aktuell sein. Was heute der Nachrichtenticker ist, war Ende des 17. Jahrhunderts das Postscript: Wer etwa als Buchhändler die gedruckte Zeitung in London verkaufte, konnte in ein eigens dafür freigelassenen Weißraum die neuesten Nachrichten handschriftlich nachtragen. Nicht mehr lange, und auch die erste Abendzeitung wurde in London herausgegeben.

Damals variierte die Uhrzeit noch von Stadt zu Stadt. Heute zeigen Uhren in ganz Europa ein und dieselbe Zeit an. Diese Standartzeit allgemein verfügbar zu machen ist zur alleinigen Sache von damit beauftragten Forschungsinstitutionen geworden. Sie schicken ihre Zeitsignale als codierte Zahlenfolgen per Funksignal an den Wecker auf unserem Nachttisch. Das bestärkt uns in der Ansicht, Zeit wäre ein unablässig fließender Strom, irgendetwas Wirkliches, dem man gewisse Eigenschaften zuschreiben kann. Gelegentliche Schalttage oder unregelmäßig eingefügte Schaltsekunden reichen als Irritation nicht mehr aus, dass wir uns einmal ernsthaft mit Zeitmessung beschäftigen und uns fragen würden, was dabei wozu in Beziehung gesetzt wird. Wir haben das Gefühl das „die Zeit“ rennt, während tatsächlich nur die Zeiger unserer selbstgebauten Instrumente rennen. Und wir selbst.

(Anmerkung: Thomas De Padova, 2013, Leibnitz, Newton und die Erfindung der Zeit, S.305f., S. 336)

aus dem Konvivialistischen Manifest

Im Konvivialistischen Manifest werden militante Begrifflichkeiten benutzt, die bei dem Einen oder der Anderen kein gutes Gefühl hervorrufen. (z.B. unsere Hauptwaffen im Kampf gegen…).

Aber das Manifest  stellt es uns frei, damit eine Debatte zu starten und dann bestimmte Formulierungen zu verändern. Aktuell denke ich persönlich, dass die Begriffe noch ihre Berechtigung haben, denn wir haben Krieg auf diesem Planeten, der von skrupellosen Denkern entfacht wird, welchen man nicht mit Mitgefühl begegnen kann.

Kapitel V (lösungsansätze)
Und konkreter?

Eine universalisierbare konviviale Gesellschaft aufzubauen, die das Ziel verfolgt, allen einen hinreichenden Wohlstand zu sichern, ohne ihn von einem unmöglich und gefährlich gewordenen stetigen starken Wachstum zu erwarten, und deshalb alle Formen von Schrankenlosigkeit und Maßlosigkeit zu bekämpfen, ist eine beträchtliche Herausforderung.
Und die Aufgabe ist mühsam und riskant. Es soll nicht verschwiegen werden, dass man, um erfolgreich zu sein, gewaltigen und furchterregenden Mächten entgegentreten muss, Mächten sowohl finanzieller, materieller, technischer, wissenschaftlicher oder intellektueller als auch militärischer oder krimineller Art.

Was tun?

Die drei Hauptwaffen gegen diese kolossalen und oft unsichtbaren oder nicht zu lokalisierenden Mächte sind folgende:

– Die Entrüstung über die Maßlosigkeit und die Korruption sowie die Scham, die all jenen spürbar gemacht werden muss, die direkt oder indirekt, aktiv oder passiv die Prinzipien der gemeinsamen Menschheit und der gemeinsamen Sozialität verletzen.

– Das Gefühl, Teil einer gemeinsamen Weltgemeinschaft von Millionen, ja Milliarden von Individuen aller Länder, aller Sprachen, aller Kulturen und Religionen, aller sozialen Schichten zu sein, die am selben Kampf für eine ganz und gar menschliche Welt teilnehmen. Dazu müssen sie über ein gemeinsames Symbol verfügen können, das sie als gegen die Korruption und Schrankenlosigkeit Kämpfende ausweist.

– Über die »rationalen Entscheidungen« hinaus die Mobilisierung der Affekte und Leidenschaften. Ohne sie geht nichts. Weder das Schlimmste noch das Beste. Das Schlimmste ist der Aufruf zum Mord, der die totalitären, sektiererischen und fundamentalistischen Leidenschaften schürt. Das Beste ist der Wunsch, weltweit wirklich demokratische, zivilisierte und konvivialistische Gesellschaften zu errichten.

Auf dieser Grundlage wird es denen, die sich in den Prinzipien des Konvivialismus wiedererkennen, möglich sein, auf die bestehenden politischen Spiele radikal Einfluss zu nehmen und alle ihre Kreativität aufzubieten, um andere Formen zu erfinden: Formen zu leben, zu produzieren, zu spielen, zu lieben, zu denken und zu lehren. Auf konviviale Weise. Indem man miteinander rivalisiert, ohne einander zu hassen und zu vernichten.

Mit der Perspektive sowohl der Reterritorialisierung und Relokalisierung wie der Öffnung hin zu einer organisierten Weltzivilgesellschaft. Diese ist schon jetzt im Begriff, in vielfältigen Formen zu entstehen, besonders durch die vielen Facetten der solidarischen Sozialökonomie, über alle Modalitäten der partizipativen Demokratie und der Erfahrung der weltweiten Sozialforen.

– Das Internet, die neuen Technologien und die Wissenschaft werden im Dienst der Errichtung dieser sowohl lokalen wie weltweiten, sowohl tief verwurzelten wie offenen Zivilgesellschaft stehen. Auf diese Weise zeichnet sich ein neuer Progressivismus ab, frei von jedem Ökonomismus und von jedem Szientismus sowie von der automatischen Annahme, dass ein ›Mehr‹ oder ›Neues‹ mit dem Besten identisch ist.

– Um die Einheit des Konvivialismus zu symbolisieren und zu verkörpern, um die Standpunkte einander gegenüberzustellen und konvivialistische Lösungen mit genügend Autorität und Medienecho vorzulegen, wäre es vielleicht vernünftig, den Entwurf einer Weltversammlung auszuarbeiten, in der sich Vertreter der organisierten Weltzivilgesellschaft, der Philosophie, der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie der verschiedenen ethischen, spirituellen und religiösen Strömungen zusammenfinden, die sich in den Prinzipien des Konvivialismus wiedererkennen.

Bruch und Übergang

Um von dem Weg abzukommen, der ins wahrscheinliche Chaos und in die mögliche Katastrophe führt, ist es unabdingbar, das Umschlagen der weltweiten öffentlichen Meinung zu ermöglichen. Die schwierigste Aufgabe, die dazu erfüllt werden muss, besteht darin, ein Bündel politischer, wirtschaftlicher und sozialer Maßnahmen vorzuschlagen, die es der größtmöglichen Zahl von Menschen ermöglichen, zu ermessen, was sie bei einer neuen konvivialistischen Ausgangssituation (einem New Deal) nicht nur mittel- oder langfristig, sondern sofort zu gewinnen haben.

Schon morgen. Auf diese Frage kann es keine absolut allgemeine Antwort geben. Zu viele Dinge hängen von dem spezifischen historischen, geographischen, kulturellen und politischen Kontext eines jeden Landes ab, ob auf regionaler, überregionaler oder übernationaler Ebene. Doch jede konkrete konvivialistische Politik muss notwendig Folgendes berücksichtigen:

– Das Gebot der Gerechtigkeit und der gemeinsamen Sozialität, was bedeutet, die schwindelerregenden Ungleichheiten zu beseitigen, die zwischen den Reichsten und dem Rest der Bevölkerung seit den 1970er Jahren explosionsartig zugenommen haben, und gleichzeitig – je nach den lokalen Umständen mehr oder weniger schnell – ein Mindesteinkommen sowie ein Höchsteinkommen einzuführen.

– Das Bestreben, die Territorien und Lokalitäten mit Leben zu füllen, folglich all das zu reterritorialisieren und zu relokalisieren, was die Globalisierung zu stark ausgegliedert hat. Gewiss kann es Konvivialismus nur in der Öffnung zu anderen geben, aber es bedarf auch einer hinreichend stabilen inneren Zusammengehörigkeit, damit er Quelle von Vertrauen und Wärme sein kann.

– Die unbedingte Notwendigkeit, die Umwelt und die natürlichen Ressourcen zu schützen; die Antwort darauf darf nicht als zusätzliche Last gesehen werden, sondern im Gegenteil als großartige Gelegenheit, neue Lebensweisen zu erfinden, neue Quellen der Kreativität zu entdecken und den Territorien eine neue Dynamik zu verleihen.

– Die zwingende Pflicht, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen und jedem Einzelnen eine anerkannte Funktion und Rolle in gemeinschaftsdienlichen Tätigkeiten zu bieten.

Die Entwicklung einer Politik der Reterritorialisierung und des Kampfs gegen die Zerstörung der Umwelt wird stark dazu beitragen. Doch diese Politik einer Umverteilung der Arbeitsplätze wird sich nur dann ausweiten und all ihre Wirkungen entfalten können, wenn sie mit Maßnahmen zur Verringerung der Arbeitszeit und mit einer starken Förderung der zivilgesellschaftlich organisierten (sozialen und solidarischen) Wirtschaft einhergeht.

In Europa hat sich im Vergleich zu anderen Regionen der Welt aufgrund der unbedachten Beschleunigung einer ökonomischen und monetären Integration, die von keiner politischen und sozialen Integration begleitet wurde, eine zusätzliche Schwäche herausgebildet. Diese Desynchronisierung führt dazu, dass sich viele Länder der europäischen Gemeinschaft im Zustand unerträglicher Ohnmacht und Not befinden. Für welche Lösung man sich auch immer entscheidet, sie muss unbedingt das Ziel verfolgen, in der einen oder anderen Form monetäre Souveränität, politische Souveränität und soziale Souveränität wieder miteinander zu verbinden.

Die konkrete Umsetzung des Konvivialismus muss, je nach Situation, unbedingt die Lebensbedingungen der einfachen Bevölkerung verbessern und gleichzeitig eine Alternative zur heutigen, schweren Gefahren ausgesetzten Existenzweise aufbauen. Eine Alternative, die nicht länger glauben oder uns einreden will, dass ein unendliches Wirtschaftswachstum noch immer die Antwort auf alle unsere Probleme sein könnte.